Kulturelle Bildung
In einem Begriff von Kultur dürfen…
„… weder die Kleidung noch die Ess- und Trinkgewohnheiten, weder die Geschichte noch die Philosophie, weder Künste noch die Wissenschaft, weder die Kinderspiele noch die Sprichwörter, weder das Klima noch die Landschafts-formen, weder die Wirtschaft noch die Literatur, weder das Politische noch das Private noch der Hinweis auf Schäden durch Abholzung der Berge fehlen" Johann Wolfgang von Goethe
Eine Gesellschaft ist dafür verantwortlich, dass junge Menschen das Leben lernen. Das heißt, sie auf ihre Zukunft vorbereiten und die Entwicklung ihrer Selbst- und Weltbeziehungen unterstützen. Es geht um ihre Teilhabe an Arbeit und Politik, an Kunst und Kultur, an Wissenschaft und Religion. Sie müssen mit ihrem Alltag zurechtkommen und ihr Leben bewältigen lernen.
Arbeitswelt ebenso wie Familienstrukturen und Lebensräume unterliegen stets Veränderungen. Ein Teil der Bevölkerung kann inzwischen nicht mehr in das System der Arbeit integriert werden. Stabile Sozialbeziehungen lösen sich auf. Die Verteilungsgerechtigkeit nimmt ab. Es gibt mehr Ausgrenzung als Anerkennung kultureller Unterschiede. Die praktischen Dinge des Alltags und Zusammenlebens funktionieren nicht mehr gut. Gemessen an unserer Wirtschaftskraft haben sich die öffentlichen Ausgaben für Bildung, Wissenschaft und Kultur pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland seit 1975 halbiert.
Prof. Dr. phil. Eckart Liebau: „Vor allem junge Menschen – ganz besonders aber in schwierigen und benachteiligten Lebenslagen – brauchen die gesamte Vielfalt der Kultur des Lebens, um ihre Urteilskraft zu entwickeln, zu denken und handeln und sich aus-drücken zu können. Sie lernen von den praktischen und ökonomischen Künsten, wie Arbeit, Technik, Haushalt, ebenso von den sozialen und politischen Künsten des Zusammenlebens. Der Umgang mit den freien Künsten, gemeint sind Literatur, Bildende Kunst, Musik, Theater oder Tanz, trainiert abstraktes Denken, eine Schlüsselqualifikation, die junge Menschen für ihre Zukunftsfähigkeit brauchen. Das Teilhaben an Bildung und Kultur macht sie sensibel und selbstbewusst und das wiederum ermöglicht ihnen ein gutes Zusammenleben. In modernen Zeiten werden die Fähigkeiten der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Konzentration ganz besonders herausgefordert: Die Betörung der Sinne gehört mehr denn je zum Alltag und führt zum Sinnen-Taumel. Gerade deshalb ist ästhetische Bildung auch als bewusste Sinnen-Bildung nötig. Nichts eignet sich besser dazu als die produktive und rezeptive Beschäftigung mit den schönen Künsten. Die Auseinandersetzung mit den Künsten ist zudem ein entscheidender Katalysator für die Entwicklung von Phantasie, Geschmack, Urteilskraft und Expressivität sowie für die Auseinandersetzung mit der Welt und mit sich selbst. Heute lernt man für das Leben am besten durch die Kunst."
„Kunst und Kultur formen und markieren die Identität eines Gemeinwesens und seiner Mitglieder. Sie stellen den Menschen und seine Wahrnehmung der Welt in den Mittelpunkt und bilden Werte, die für den Einzelnen wie für die Gesellschaft wichtig sind. Kultur ist ein Instrument der reflexiven und gestaltenden Auseinandersetzung des Einzelnen und der Gemeinschaft mit sich und der Umwelt. Sie steht im Kontext geschichtlicher Entwicklungslinien, deren Fortschreibung sie zugleich mitprägt." Schlussbericht Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (11.12. 07)
Drucksache 16/7000 – 44 – Deutscher Bundestag
Generationenvertrag neu durchdacht – Teilen von Wissen, Emotionen und Zeit
Kunst und Kultur nehmen für viele ältere Menschen einen wichtigen Platz im Leben ein. Kulturelle Bildung öffnet die Chance, sich auch im Alter weiterzuentwickeln und jenseits von Verwertbarkeitsfragen etwas zu tun, das „Sinn" macht. Ein Netzwerk mit circa 150 Menschen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration bearbeitet zurzeit bürgerschaftlich engagiert das Feld der kulturellen Bildung in Düsseldorf. Der klassische Ruhestand hat ausgedient. Die „Neuen Alten“ wollen sich weder auf ein unterforderndes Konsumverhalten noch auf ein massenhaft zu versorgendes Pflegeproblem reduzieren lassen. Sie schaffen neue Netzwerke, in denen sie ihre lebenslang erworbenen Erfahrungen einbringen können und in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten Lebensqualität und Lebensfreude erhalten. Sie teilen ihr Wissen, reflektieren, lernen und mehr und mehr initiieren sie selbstständig, mutig und kreativ neue sozial-kulturelle Projekte. Ihr Interesse dies zu tun wurde geweckt und gefördert in verschiedenen Qualifizierungsmaßnahmen der Projektwerkstatt für innovative Seniorenarbeit (2002 – 2006) im Evangelischen Erwachsenenbildungswerk (eeb nordrhein) in Düsseldorf unter der Leitung von Diplom-Pädagogin Karin Nell.
Eine dieser Maßnahmen ist das EFI-Programm, seit 2002 bis 2010 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in zehn Bundesländern gefördert. Das Erfahrungswissen für Initiativen (EFI) ist ein Modellpro-gramm zur Gewinnung und Qualifizierung lebens- und berufserfahrener Menschen. Die Absolventen der Qualifizierung sind zwischen 55 und 70 Jahre alt und etwa gleich viele Frauen und Männer. Sie teilen ihr Wissen in einem neuen Kontext der bewussten Sinnen-Bildung: „Lehrer“, Experten der Pädagogik, des Theaters, der bildenden Künste sowie „Lernende“, Experten wie Finanzbeamte, Sekretärinnen, IngenieurInnen, Krankenschwestern … begegnen sich gleichberechtigt. Die gesamte Vielfalt des Lebens wird sichtbar und bereichert ungemein. Sie reflektieren persönlichen Herausforderungen ebenso wie die der Gesellschaft und es wächst der Wunsch, etwas Sinnvolles mit der freien Zeit im nachberuflichen Leben anzufangen.
Das Wissen, dass viele Werte und Formen des sozialen Umgangs neu entwickelt werden müssen, veranlasst so manchen Teilnehmer, besonders das Feld der kulturellen Bildung zu betrachten. Nachdem sie sich auch sehr praktischen Dingen wie Projektplanung, Fundraising oder Pressearbeit hinwenden, erschließen sie sich ihre Handlungsfelder selbst. Viele Projekte und Aktionen im Gemeinwesen sind Ergebnisse dieser Weiterbildung. Die Engagierten initiieren eigene Initiativen und geben ihre erworbenen Kenntnisse weiter. Sie engagieren sich aus persönlichem Interesse und weniger aus altruistischen Gründen.
Der Weg der innovativen Seniorenarbeit, die bewusste Sinnen-Bildung, die Verbindung Kunst und Kultur – Lehren und Lernen führte wie selbstverständlich zur Keyworkarbeit. Karin Nell: „Keywork verknüpft kulturelle Bildung, künstlerische Aktionen und selbst organisierte Formen des freiwilligen Engagements. Menschen aller Altersgenerationen werden dabei ermutigt, neue Entwicklungs- und Gestaltungsräume zu entdecken sowie neue kulturelle und soziale Verantwortungsrollen zu entwickeln und zu erproben. Keywork ist Lernen und Engagement auf Augenhöhe mit Lehrern, Partnern, Institutionen. Keyworker initiieren Projekte, die im Überschneidungsbereich von kultureller und sozialer Arbeit angesiedelt sind. Sie verstehen sich als BotschafterInnen und VermittlerInnen zwischen kulturellen und sozialen Einrichtungen; sie öffnen Türen, schaffen Zugänge. Keyworker kooperieren mit Museen, Theatern, Einrichtungen der Soziokultur, Kindergärten, Schulen, Jugendeinrichtungen, Mehrgenerationenhäusern, Altenheimen und Begegnungsstätten. Dem Prinzip von Kulturvermittlung und Partizipation verpflichtet und in enger Zusammenarbeit mit KulturKontakt Austria, Wien, hat das Ev. Erwachsenenbildungswerk Nordrhein neue Methoden und Konzepte zur Gewinnung, Qualifizierung und Begleitung von Keyworkern entwickelt (z.B. die Kulturführerschein ®-Programme)."
Keywork setzt auf persönliche, berufliche und soziale Kompetenzen und das Wissen aller Generationen und Kulturen. Dazu werden Künstler verschiedener Genres als PartnerInnen für Keywork-Projekte gewonnen. Durch ihr Vorbild, ihr künstlerisches Wirken unterstützen sie die Beteiligten, sich selbst zu entdecken und sich im gemeinsamen schöpferischen Prozess als Bestandteil einer Gruppe zu erleben. Die große Kraft des Künstlerischen besteht im Auflösen von „richtig oder falsch“. Bildnerisches Gestalten, Musik oder Theaterspiel können den Weg zur sozialen Integration ebnen, indem Kräfte und Fähigkeiten zur Entfaltung kommen, Kreativität freigesetzt wird, um sich sicher, stark und frei zu fühlen.
Professor Dr. Christoph Stölzl: „Kultur ist der Grundakkord, der die Melodie unserer Zivilisation zusammenhält. Kultur ist der Stoff, aus dem unsere Humanität jenseits unserer körperlichen Existenz besteht. Denn unser Leben ist vergänglich. Aber unsterblich wird es in der Erschaffung von und in der Begegnung mit Kultur. Mozarts „Zauberflöte“: Das ist ganz menschlich und ganz himmlisch. Der Bogen zwischen Begrenztheit und Ewigkeit: Das ist Kultur, wenn wir sie ernst nehmen und nicht als Abteilung der Unterhaltungsbranche missverstehen."
Keywork im Wohnprojekt
Gut vernetzt mit kreativen Menschen in der Stadt, die sich engagierten im Stadtmuseum, im Theater oder in Ateliers, sind die Bewohner des Wohnmodells entschlossen, ihre Gemeinschaftsräume für sich und die Nachbarn zu öffnen. Die Hausbewohner sowie Künstler, Pädagogen und interessierte Nachbarn können miteinander ins Gespräch kommen, Ideen entwickeln und realisieren. Beispielsweise läßt sich ein Ausstellungsthema des Stadtmuseums aufgreifen und in Zusammenarbeit mit Kuratoren und Künstlern für den Stadtteil aufbereiten und vorstellen.
Wenn nach Goethes Kulturdefinition weder die Kleidung noch die Ess- und Trinkgewohnheiten, (…) weder die Kinderspiele noch die Sprichwörter,(…) fehlen dürfen, gehören die praktischen Künste des Handwerks und des Alltags, vom Tische-Bauen bis zum Kochen, mit zur Betrachtung. In diesem Sinne können die Älteren ihre „Alltagskünste“ anbieten. Sie werden als Koch, Grafikerin, Handwerker, Technikerin oder Musiker und als zugewandte Menschen das Ihre für ein gutes Zusammenleben der Generationen in der Nachbarschaft tun. Diese Form des Engagements überschreitet deutlich den traditionellen Bereich des Wohnens und des sozialen Ehrenamts.



